Je nach Geschäftsmodell und Ausrichtung eines Unternehmens gibt es für jedes E-Commerce- oder Digitalisierungsprojekt gute und besser geeignete Shopsysteme. Spryker Systems setzt auf einen kundenzentrischen Ansatz, der umfassender gedacht ist. Was genau das heißt, erklärt uns Boris Lokschin. Er ist CEO und Mitgründer von Spryker Systems.

NETFORMIC: Boris, Spryker bezeichnet sich als Operating System für Commerce. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Boris Lokschin: Genau, wir bezeichnen Spryker als Commerce OS. Dabei sehen wir einen ähnlichen Ansatz zu dem, wie viele Hersteller und Händler ihr Backendsystem interpretieren. Wenn man zum Beispiel an ein klassisches ERP denkt, bezeichnen viele dieses als Betriebssystem für das Backend. Man hat verschiedene Komponenten wie sein HR Modul, sein Finance- und Supply Chain Management und so weiter dort gebündelt. Dadurch können all diese Prozesse aus diesem System heraus gesteuert werden. So ähnlich interpretieren wir die Funktionalität von Spryker Systems auch. Wir versuchen sogenannte Capabilities anzubieten. Das sind Komponenten mit verschiedenen Funktionen, die wir dann über APIs unterschiedlichen Frontends zur Verfügung stellen. Diese Frontends können klassischerweise ein Shop sein, aber auch neuere Touch Points wie Sprachmodule (Anmerk. d. R.: wie bei Alexa und Co.) oder Bots.

Boris Lokschin, Mitgründer von Spryker, erklärt was es mit dem neuen Commerce CO auf sich hat.
Das Spryker Comemrce OS ist ein modular aufgebautes Betriebssystem, das individuell zusammengestellt werden kann.

Monolithisches Shop-System vs. Commerce OS – was sind die Unterschiede?


NETFORMIC: Inwieweit unterscheidet sich denn dieser Ansatz gegenüber monolithischen Software-Technologien wie etwa Magento oder einer Eigenentwicklung?

Boris Lokschin: Zum einen ist Spryker nicht monolithisch – das ist der erste Unterschied. Das heißt die Capabilities, also das was in dem Betriebssystem liegt, sind voneinander entkoppelte Einzelbausteine. Eine Capability ist immer eine Sammlung von Funktionalitäten bzw. Features. Es kann sowas sein, wie eine PIM Capability, eine CRM Capability, aber auch sowas wie Search-Chart-Checkout. Wie bereits erwähnt, stellen die Capabilities ihre Funktionalität über sogenannte API Schnittstellen nach draußen zur Verfügung. Darüber hinaus treffen diese Funktionalitäten keine Annahme darüber, ob es nach draußen ein Frontend gibt und wenn ja, wie dieses aussieht. Dadurch, dass diese Capabilities vo einander entkoppelt sind, kann ich mir ähnlich einem LEGO Baukasten immer die Bausteine herausnehmen und nutzen, die zu meinem Geschäftsmodell passen. Aus diesem Grund habe ich immer eine sehr schlanke Code-Basis und niemals ein überfrachtetes System mit Dingen bzw. Funktionen, die ich für mein Geschäft nicht brauche.

NETFORMIC: Und worin liegt der zweite Unterschied?

Boris Lokschin: Der zweite, fundamentale Unterschied liegt darin, dass Spryker eben kein Shopsystem wie Magento u.Ä. ist, sondern ein Betriebssystem. Deswegen ist der klassische Onlineshop für Spryker nur eine mögliche Ausprägung eines Frontends. Wir nennen die Frontends immer Apps. Eine Shop-App ist das, was normalerweise als Shopsystem verstanden wird. Dann gibt es noch weitere Apps für die neueren Touch Points: also alles was ich in Richtung Sprache, Mobile, Chat Bots oder Block Chain etc. machen kann. Das sind alles Use Cases, die man klassischerweise nicht auf Basis eines Shopsystems umsetzen würde. Denn die Komplexität dieser Projekte übersteigt oft massiv die Möglichkeiten derartiger Systeme. Mit unserem Commerce OS lassen sich hingegen solche Cases sehr gut umsetzen.

Mit dem Spryker Commerce OS lassen sich unterschiedlichste E-commerce-Vorhaben realisieren.

Agil oder klassisch – welches Projektvorgehen profitiert von der neuen Technologie?


NETFORMIC: Da Spryker, wie du erklärt hast, kein klassisches Shopsystem ist, für welche Kunden bzw. digitalen Geschäftsmodelle eignet sich euer Betriebssystem dann?

Boris Lokschin: Wir haben jetzt keinen spezifischen Industrie- oder vertikalen Fokus. Wenn wir in die aktuelle Kundenbasis schauen, dann sind zahlreiche Branchen vertreten. Die klassischen Händler, Fashion-Marken, Hersteller, ganz viele B2B Unternehmer, aber auch zunehmend viele IoT, also Internet of Things Cases.

NETFORMIC: Gibt es denn dann ein bestimmtes Anforderungsprofil für das Spryker konzipiert wurde?

Boris Lokschin: Unabhängig von der Branche ist es grundsätzlich so, dass man ein bisschen Ambitionen braucht im heutigen E-Commerce. Diejenigen, die verstanden haben, dass die Innovations- und Refinanzierungszyklen kürzer und die Projekt-Scopes kleiner gestaltet werden, wissen, dass die Zeit des Standard-Shopsystems, vorbei ist. Heute muss man sich im E-Commerce um viel mehr Gedanken machen, auch im technischen Bereich und zwar nicht darum, ob der Desktop ein 17 oder 19 Zoll Monitor ist. Für diese Unternehmer, aber auch für diejenigen, die den Pfad des zu konfigurierenden Standardsystems verlassen haben, ist Spryker Systems super relevant. Und natürlich die ganzen neuen Use Cases: Zum Beispiel, ein IoT Case, bei dem eine Maschine Transaktionen verursacht, Bestellungen auslöst, die Wartungsfenster scheduled oder Termine für mich einträgt. Ein weiteres Beispiel wäre die Bedienung der neuen Touch Points: Customer Service via Chat Bot, Alexa Sprachskills für Onlinekäufe und andere Onlineprozesse oder auch die sehr spannenden Block Chain Cases, die wir gerade mit einigen Versicherungen und Banken erarbeiten.

NETFORMIC: Somit ist Spryker als Commerce OS eher für agile Projekte und Digitalisierungsvorhaben geeignet?

Boris Lokschin: Grundsätzlich ja. Ich kann natürlich durch eine Systemwahl diese Agilität positiv wie auch negativ beeinflussen. Ich kann mir ein System kaufen, das aufgrund seiner Größe, seiner Komplexität, seines Kostenpunktes und auch der Dauer, die man braucht, einen durchschnittlichen Business Case damit abzubilden, aus jeglicher Agilitätsdefinition herausfällt. Wenn ich zum Beispiel ein Projekt habe, das 12-18 Monate braucht und 7-stellig kostet, dann ist es relativ schwierig, dass noch als agil zu bezeichnen. Genau aus diesem Grund wurde das Spryker Commerce OS entwickelt, um gewissermaßen diesem Agilitätsgedanken innerhalb von Digitalisierungsprojekten technisch keine Restriktionen aufzuerlegen. Das heißt: einzelne kleine Bausteine zu haben, in Use Cases zu denken, also eher vertikal zu schneiden als horizontal in ganzen Projekten zu arbeiten. Damit man einfach mal sagen kann: „Ich glaube, Customer Service via Facebook Messenger ist ein guter Use Case, kein ganzes Projekt. Das sind vielleicht 2-3 User Stories, die machen Sinn. Das möchte ich ausprobieren. Ich bin aber nicht sicher, ob das für meine Kunden relevant ist. Aber weder PowerPoint noch irgendeine Unternehmensberatung können mir das beantworten. Deswegen auf geht’s: diesen Use Case möchte ich ausprobieren und binnen einer Woche auf die Straße bringen.“

Spryker und die Vision für das Internet der Dinge


NETFORMIC: Das hört sich alles sehr spannend an. Dann freuen wir uns auf die Live-Gänge dieser Use Cases. Zum Abschluss noch die Frage, was ist denn eure Vision für Spryker?

Boris Lokschin: Ich glaube, grundlegend geht es uns darum, maximal viele Touch Points offerieren zu können. Weil, wie gerade gesagt, wird es zunehmend schwerer, die Zukunft und auch die technische Zukunft vorherzusagen. Die Kunden, die Erlebnisse, die Customer Journey werden zunehmend komplexer und unvorhersagbarer. Man sieht’s ja heute schon, dass viele Onlineshops und Webseiten deutlich über 50 % Mobile Traffic haben. Wenn man dann ein bisschen die Klickpfade verfolgt und sich anschaut, wie heute schon Kunden zwischen verschiedenen Devices wie Tablet, Desktop, PC, iPhone oder Smartphone springen – auf dem Weg zur Arbeit, auf der Arbeit, abends auf dem Sofa. Dann sind da selbst jetzt schon so viele unterschiedliche Break Points drin. Das wird zunehmend mehr mit Uhren, mit den neuen Devices, die jetzt reinkommen, wie Sprache, Bots und Co. All diese Touch Points zu bedienen und auch sicher zu stellen, dass man sie sehr schnell und sehr lean bauen kann, dass man die Business-Logik nicht dublieren muss, das ist, glaube ich, Vision genug. Eine sehr große Vision sogar. Dennoch sind wir sehr keen auf das ganze Thema Internet of Things. Ich glaube, da ist ein ganz großer, spannender Markt von absolut interessanten und häufig noch nicht denkbaren oder omnipräsenten Use Cases, die man sehr gut adressieren kann, wenn man jenseits von dem einen Shop als Interface denkt.

NETFORMIC: Vielen Dank. Das war Boris Lokschin Co-CEO von Spryker Systems.

Anmerkung der Redaktion: Um die Verständlichkeit und Lesbarkeit des Interviews zu gewährleisten, wurden einige Antworten gekürzt.

Mehr Informationen zu Spryker: www.spryker.com und unseren Leistungen im Bereich Sypryker Development.