Es gibt viele Möglichkeiten, ein E-Commerce-Projekt erfolgreich zu realisieren. Neben einer aussagekräftigen Strategie, muss natürlich die Entwicklung des Shop-Systems gelingen. Dafür wurden in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Methoden entwickelt. Eine der bewährtesten ist die Wasserfall-Methode. Warum das so ist und welche Vorteile Sie Unternehmen ganz konkret bietet, darüber sprechen wir heute mit Grischa. Er ist Teamleiter für Service- & IT Projektmanagement.

Grischa, kannst du zu Anfang die Herangehensweise und den typischen Verlauf eines E-Commerce-Projekts bei NETFORMIC beschreiben?

Grischa: Für gewöhnlich wollen wir zuerst gerne wissen, was unsere Kunden umtreibt. Also was erwarten sie von uns, damit sie nachher erfolgreich ihre neue E-Commerce-Plattform betreiben können. Das heißt, wir starten das Projekt mit einer Anforderungsphase, in der wir genau erfassen, was der Kunde sich von uns wünscht. Gefolgt von einer Konzeptphase, in der wir das „Was“ übersetzen in ein „Wie werden wir das umsetzen“. Danach wissen wir ziemlich genau, wie wir das Gesamtpaket erstellen möchten. Dadurch können wir in der Umsetzungsphase mit anschließender Testphase die neue E-Commerce-Plattform erstellen. Den Kunden schicken wir so gerüstet in die Zukunft und übergeben das Projekt dann in den Servicebetrieb.

Welche Tools und Methoden benutzt ihr speziell im IT Projektmanagement?

Grischa: Im Projektmanagement arbeiten wir, wie gerade skizziert, tatsächlich Wasserfall-basiert. In der Umsetzungsphase setzen wir eher auf Kanban, weil wir die bestmögliche Effizienz mit der größtmöglichen Stabilität aus unserem Team herausholen wollen. Das heißt, wir arbeiten in dieser Phase intern betrachtet vollkommen agil, allerdings mit einem definierten Scope. Das heißt, der Kunde bekommt zu einem festgelegten Zeitpunkt einen definierten Liefergegenstand.
Im IT Service Management ist es dann ein wenig anders. Da arbeiten wir komplett agil. Das bedeutet, wir arbeiten voll auf Kundenwunschbasis, ebenfalls im Kanban-Modus.

Der Ruf nach agilen Vorgehen in allen Projektphasen wird ja immer lauter. Was rätst du Kunden, die eine solche Methodik einsetzen wollen?

Grischa: Ich rate Ihnen, dass es durchaus ein wünschenswerter Ansatz ist, agil zu sein. Man muss sich allerdings bewusstmachen, was das im IT-Projekt, also in der initialen Erstellung eines Onlineshops, bedeutet. Es gibt bei E-Commerce-Shops prinzipiell Anforderungen, die eigentlich immer wieder auftauchen. So kennen wir im Normalfall die Seitentypen.

Es gibt bei E-Commerce-Shops prinzipiell Anforderungen, die eigentlich immer wieder auftauchen. So kennen wir im Normalfall die Seitentypen. Wir wissen nur nicht genau, was die speziellen Kundenanforderungen auf dieser Seite sind: Brauche ich Echtzeitpreise ja oder nein? Muss ich Bestände aus einem separaten System holen oder kommen die aus dem Shop selber? Welches Payment soll angebunden werden, und wie kommen schlussendlich die Bestellungen in das ERP des Kunden? Diese Anforderungen müssen im Vorfeld klar definiert sein, da sie Must-Haves für die Funktionsweise der Onlinelösung an sich sind. Deswegen müssen sie, unserer Meinung nach, in einem Wasserfall-Modell zusammengetragen werden. So können wir am Ende des Tages gesichert den richtigen Liefergegenstand entwickeln.

Gibt es demnach E-Commerce-Projekte und Geschäftsmodelle, für die sich das agile Vorgehen besonders eignet?

Grischa: Wenn ich agil sein möchte, dann heißt das, ich habe einen größeren Teil an Unbekanntem als an Bekanntem. Das ist bei einem initialen Shopsystem aber eher nicht der Fall. Da rede ich im Normalfall von 80% bekannten Anforderungen und 20% unbekannten. Diese 20% sind eher die Ausgestaltung, wie ich die einzelnen Anforderungen konkret umgesetzt haben möchte.

Du hattest es gerade schon angesprochen, dass sich agile Projekte nicht für jeden eignen. Welche Kompetenzen müssen denn auf beiden Seiten, Dienstleister und Kunde, vorhanden sein, wenn man auf diese Weise einen Onlineshop erstellen will?

Grischa: Agiles Vorgehen erfordert prinzipiell von beiden Seiten einen relativ hohen Reifegrad. Denn agil bedeutet eben auch, dass der Auftraggeber als Projektleiter die Entwicklung der E-Commerce-Lösung komplett steuert. Das ist ein weiterer Grund, warum wir initiale Shops Wasserfall-basiert und in vorab getätigter gemeinsamer Abstimmung entwickeln. Später im Betrieb und Service stellen wir, wie gesagt, auf agil um. Denn dann stellt sich auf Kundenseite häufig heraus, welche Verbesserungen oder Ausbaunotwendigkeiten gewünscht sind und welche Priorität diese haben.

Die Anforderungen werden im initialen Projekt mit der Wasserfall-Methode ermittelt. In der Umsetzungsphase und im Betrieb arbeiten wir agil nach Kanban. Wenn wir einen Onlineshop erstellen, hat sich diese Mischform bewährt. – Grischa, Teamleiter Service- & IT Projektmanagement

Wir haben jetzt viel über die Wasserfall-Methode und Kanban geredet. Welche Vorteile ergeben sich aus der Verbindung der beiden Ansätze?

Grischa: Prinzipiell bringt das Wasserfall-Modell eine deutlich bessere Planungssicherheit in Sachen Fertigstellungstermine und Budget mit sich. Ganz im Gegensatz zu Scrum, wo es schlicht von der Idee her keinen Fertigstellungstermin gibt, sondern es ist dann fertig, when it’s done. Das Gleiche gilt entsprechend für das Budget. Denn wenn ich nicht definieren kann, was ich konkret erstellen soll, dann kann ich auch nicht genau sagen, wie viel es kosten wird. Des Weiteren bietet die Umsetzung mit Kanban uns die Möglichkeit, die höchste Effizienz aus dem Team herauskitzeln. Das heißt, wir werden jeweils den geeignetsten Entwickler auf den Task setzen.

Lassen sich durch so eine Mischform Nachteile wie lange Time-to-Market und Planungsphasen beseitigen?

Grischa: Es lässt sich zumindest vermindern. Dennoch sind wir grundsätzlich an bestimmte Gegebenheiten, die ein Shop benötigt, um marktfähig zu sein, gebunden. Will sagen, ich kann egal in welchem Vorgehensmodell einen Shop ohne Paymentmodul nur schwerlich live stellen. Es sei denn, der Kunde hat keine speziellen Payment-Anforderungen. Ähnliches gilt für die anderen zentralen Bestandteile eines Onlineshops wie Produktdaten oder Order-Schnittstelle. Darüber hinaus ist es aber tatsächlich eine Fragestellung: Wann ist meine Plattform erstmal soweit betriebsfähig, dass der Rest in Ausbaustufen nachgeliefert werden kann.

Zum Abschluss noch die Frage: Wie können Kunden nun die richtige Methode für ihr Geschäftsmodell und ihr Unternehmen finden?

Grischa: Die grundsätzliche Frage, die ich mir als Unternehmen stellen sollte, ist: Habe ich einen Endtermin, der mir wichtig ist und habe ich ein begrenztes Budget. Wenn dies der Fall ist, dann ist klar, dass ich im Wasserfall unterwegs sein muss, weil Scrum dies von der Grundidee her nicht anbietet. Wenn ich natürlich in der Produktentwicklung bin und über 80% unbekannte Anforderungen habe, dann ist Scrum ein hervorragendes Vorgehen. Das ist aber im E-Commerce-Bereich eher selten der Fall. Die zweite Frage ist, ob ich als Organisation für meinen Dienstleister den nötigen Reifegrad mitbringe.

Das heißt, kann ich die Anforderungen definieren, die an das Produkt oder die Onlinelösung gestellt werden. Oder brauche ich dabei die Unterstützung der Fachleute? Genau das Gleiche ist der Fall in der Projektsteuerung. Auch hier die Empfehlung: Wenn ich das als Kunde nicht selber tun möchte, bin ich eher im Wasserfall unterwegs. Wenn ich als Kunde aber sage, ich möchte die gesamte Projektsteuerung bei mir haben, dann wäre Scrum auch ein mögliches Modell.

Vielen Dank. Das war Grischa und wir haben mit ihm darüber diskutiert, warum sich agile Methoden nicht für jedes Projekt bzw. jede Phase eignen.

Wie passt der MVP-Ansatz in das Universum der IT-Projektmanagement-Methoden? Das erfahren Sie in unserem Experten-Beitrag.